Hörbuch- und Lesetipps 1/2025
Hörbuch-Tipp
Jacqueline O’Mahony: Sing, wilder Vogel, sing
Bei Honoras Geburt in Irland Mitte des 19. Jahrhunderts fliegt ein Rotkehlchen ins Haus – ein böses Omen, das zeitlebens auf ihr lasten soll. Tatsächlich stirbt ihre Mutter bei der Geburt und Honora wächst weitgehend auf sich selbst gestellt auf. William gefällt sie gerade deshalb und er heiratet sie. Während der Hungersnot 1849 ist sie Teil der Gruppe, die einen Gewaltmarsch auf sich nimmt, um bei den englischen Grundbesitzern um Nahrung zu bitten, jedoch abgewiesen wird. Auf dem Rückweg bekommt Honora ein Kind, von dem sie nicht wusste, dass sie es erwartete. Es kommt bereits tot zur Welt und Honora schwebt tagelang in Lebensgefahr. William bleibt bei ihr, während die Dorfbewohner weiterziehen. Als auch William stirbt, beschliesst Honora, nach Amerika zu gehen. Nur zu überleben ist ihr nicht genug. Sie will frei sein und flieht aus einer ausbeuterischen Hausmädchenanstellung in New York nach Oregon. Doch ihr Helfer zwingt sie, das vorgeschossene Reisegeld in einem Bordell abzuarbeiten. Ein Freier, der sich in sie verliebt, wird zur Karte in die vermeintliche Freiheit. Doch auch als Honora eine eigene Farm besitzt, fühlt sich ihr Leben noch wie ein Gefängnis an. Erst die Bekanntschaft mit einem amerikanischen Ureinwohner, dessen Lebensweg verblüffende Ähnlichkeit mit ihrem aufweist, ändert das.
Es ist ein Buch über das Überleben, über Zähigkeit und Trotz im Angesicht übermächtiger Schicksalsschläge. Obwohl die Geschichte viele tragische und erschütternde Elemente enthält, ist die Sprache niemals hart oder derb, sondern wird gerade in solchen Momenten poetisch und losgelöst. Honora ist in der Lage, in schweren Situationen aus sich hinauszutreten und selbst das Schlimmste aus einer gewissen Distanz heraus zu ertragen. Jacqueline O’Mahony hat, lose basierend auf wahren Begebenheiten, einen berührenden Roman über eine starke Frau geschrieben, die ihren Traum selbst in hoffnungslosen Situationen niemals aufgibt.
O‘Mahony, Jacqueline: Sing, wilder Vogel, sing
Zürich: Diogenes, 2024. Ausleihe: DS 59557
Braille-Tipp
Han Kang: Griechischstunden
Eine Frau besucht in Seoul einen Griechischkurs, um ihre Sprache wiederzufinden. Sie ist verstummt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ihre Mutter vor einem Monat gestorben ist. Oder dass sie nach ihrer Scheidung den Sorgerechtsstreit verloren hat. Die äussere Stille der Frau steht in hartem Kontrast zu ihrem inneren Aufruhr. Ihr Griechischlehrer seinerseits ist aufgrund einer Erbkrankheit im Begriff, zu erblinden. Er wuchs in zwei Kulturen auf. Das Altgriechische war für ihn das Auffangnetz zwischen zwei Sprachen. Der Schmerz darüber, von der Welt abgeschnitten zu sein, verbindet die beiden, obwohl sich die Annäherung nur zögerlich einstellt und die Kommunikation schwierig bleibt. Der Roman enthält kaum Handlung, dafür wird das Innenleben der beiden Figuren in poetischen Metaphern kaleidoskopartig blossgelegt. Daneben wird über Platon und die oft nur schwer übersetzbare Faszination altgriechischer Grammatik philosophiert, über den Tod und den Sinn des Lebens.
Kang, Han: Griechischstunden
Berlin: Aufbau, 2024. 2 Bd. 249 S. Ausleihe: BG 40996
Information
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